Doping unterm Fahrradsattel

03. Mai 2012 (DIE REISE-ILLUSTRIERTE, Heidrun Lange)

Berge und Seen, Tannenabhänge und Laubholzschluchten, Quellen, die über Kiesel plätschern und Birken, die vom Winde halb entwurzelt, ihre langen Zweige bis in den Waldbach tauchen. Das ist die Märkische Schweiz.

Ganz anders ist es im Oderbruch. Lange Alleen, windschiefe Heuschober, Gotteshäuser aus Feldstein, Fachwerk oder Backstein. Verlorene Bahnhöfe an stillgelegten Schmalspurstrecken. Eine ansprechende Radtour auf der D-3, die fast gleich mit dem Europaradweg R1 verläuft, verbindet beides.

Die Wirkung des Elektromotors ist enorm: Aufsitzen, zweimal treten und schon rollen wir davon, als schöbe von hinten eine unsichtbare Kraft. Es tritt sich so leicht in die Pedale, als hätten wir unentwegt Rückenwind. Unser Dopingmittel steckt nicht in den Waden, sondern liegt unter dem Gepäckträger und surrt leise unter dem Tretlager. Kurz nach Straußberg düsen an uns ambitionierte Hobbypedaleure vorbei. Zwischen solch gestandenen Sportlern sind wir auf unseren Elektrorädern Exoten. Was uns nicht juckt, wir sind Freizeitradler, die Freude an der Bewegung haben, die Landschaft genießen und auch mal einkehren wollen. Geht es bergauf, dann gibt es einen Schubs aus dem Akku. Es ist leicht über die hügelige Landschaft in der Märkischen Schweiz zu fahren. Ein kurzer Zwischenstopp lohnt sich in Garzau. In dem typischen Angerdorf erholen sich Feriengäste. Alte Brennerei steht an der Hauswand. Ein Zwischenstopp, um sich mal eine Pause zu gönnen? Schade, die ehemalige Brennerei ist ein Keller, in dem Fahrräder der Besitzer untergestellt sind. „Eine Gaststätte hier, nö. Da hinterm Haus ist ein Raum für Feiern und so", sagt einer der Einwohner und zeigt uns die Richtung Hier wurde also nie Korn gebrannt. Höchstens gelagert. Dafür hat der 300 Seelen Ort eine Seltenheit. Ein schmaler Feldweg führt in Richtung Wald. Eine Feldsteinpyramide aus dem 18. Jahrhundert ragt auf einem Hügel. Ein Aussichtsturm für den Grafen Schmettau war es und als seine Begräbnisstätte geplant. Seit einigen Jahren kraxeln die Besucher wieder nach oben. Kelche oder andere Fundstücke finden sie allerdings nicht.

Wir wollen weiter nach Buckow. Fahrradspuren links und rechts, dazwischen das alte Kopfsteinpflaster. So radeln wir ohne über die Steine zu holpern ein Stück bis nach Buckow. Schon wieder gibt es etwas zu entdecken. Kurz vor Buckow in Waldsieversdorf steht hinter hohen Kiefern das John-Heartfield-Haus. Bertolt Brecht schwärmte von der Sommerfrische und drängte den kritischen Fotomontagekünstler und Gegner der Nazis, in seine Nähe zu ziehen. Die Holzfußböden und die gekachelte Herdstelle in der Küche des Sommerhauses verströmen die Bescheidenheit der Nachkriegsjahre. Umso imposanter wirkt das einstige Arbeits- und Wohnzimmer mit einem großen Kamin und zwei komplett verglasten Wänden, durch die der Blick in den Garten und hinab zum Großen Däbersee geht. Und überall sieht man Fotomontagen, die Heartfield ab 1930 für die kommunistische „Arbeiter Illustrierte Zeitung" lieferte. Eine der bekanntesten enthüllt den „Sinn des Hitlergrußes": Dem künftigen „Führer" steckt eine dickbäuchige Figur von hinten Geldscheine zu. Ein Verein kümmert sich um das Anwesen, und jedes Jahr von Mai bis Oktober gibt es zahlreiche Veranstaltungen.

Auf einem straßenbegleitenden Radweg ist man im nu in Buckow. Im ehemaligen Warmbad ist das Informationszentrum eingezogen. Hier kann man aus den Pedalen steigen und im Bach hinterm Haus wie ein Storch durchs Wasser schreiten. Vor allem an warmen Tagen herrscht Hochbetrieb. Manche begnügen sich mit einem Eintauchen des Ellbogens ins Handbecken. „Wir wollen die Lehren des Gesundheitspfarrers Kneipp den Leuten näher bringen. Das Wasser, die Luft, der Boden, bieten sich hier in Buckow regelrecht dafür an", erklärt die Leiterin vom Tourismusamt Riamara Sommerschuh. Mit der Anbindung des Radwegs D-3 hofft sie, dass noch mehr Touristen ihre Routen verknüpfen und einen kurzen Abstecher in diese Gegend planen. Überhaupt ist Buckow ein Ort, in dem man einige Tage verbringen kann. Am Schermützelsee gibt es die einstige Wirkstätte von Bertolt Brecht und Helene Weigel. Das Atelier- und ein Bootshaus sowie Wohn- und Arbeitsräume des Dramatikers und der Theaterschauspielerin sind zu einem bedeutendem Literaturmuseum umgebaut wurden. Dort steht auch der legendäre Planwagen aus der Inszenierung „Mutter Courage" von 1949 am Deutschen Theater.

Ein paar Kilometer weiter nur verändert sich die Landschaft. Ab Münchehofe sind die Wege nicht mehr so hügelig. Die Felder sind breiter und der Himmel wirkt weiter. Bis zum nächsten Dorf fährt man etliche Kilometer ohne jemandem zu begegnen. Nur auf den Feldern drehen Traktoren ihre Runden. Fast bis Obersdorf haben uns Kraniche ein Stück begleitet. Die Dorfstraße ist leer. Das Dorf ein Auslaufmodell? Die Leute gehen fort, wenn sie jung genug sind. Und unter die Erde, wenn sie nicht mehr fortkommen oder sowieso für immer bleiben wollten.

Der einzige Beweis, dass hier noch Leben ist, wird sein, wenn die zwei Hartgußglocken in der Feldsteinkirche zum Gottesdienst rufen. Ganz so unbewohnt scheint es doch nicht zu sein. Eine Gardine wird beiseite geschoben und ein grauhaariges Mütterchen schrubbt das Fensterbrett. Wir radeln weiter über märkische Alleen, auf welchen einst die Schlossherren mit ihren Kutschgespannen unterwegs waren. Es plätschert, ein Fluß läuft neben der Eisenbahnlinie. Das muss das Oderbruch sein. Zumindest der Beginn. Zehn Minuten geht es an Feldern entlang. Aus dem Nirgendwo taucht ein buntes Freilichtmuseum auf. Betritt man den Hof, werden Kindheitsträume wahr: Einmal Lokführer sein oder wenigstens Schrankenwärter! Im Letschiner Eisenbahnmuseum ist das alles möglich. Vorausgesetzt, es ist ein Sonnabend Vormittag oder ein Feiertag, dann wenn der Verein die Hoftür öffnet. Da kann man die Glocke der alten Schranke bimmeln lassen, zusehen wie Modelleisenbahnen über Schienen düsen oder in historische Eisenbahnwagen aus dem Jahre 1906 klettern. Auch an die alte Oderbahn wird erinnert. „Bis in die siebziger Jahre wurden Zuckerrüben transportiert. Saftig waren die. Das liegt am Boden", erzählt Vereinsmitglied Harald Schulze. In Letschin hat man den Mann, der das Oderbruch trocken legen ließ, nicht vergessen. Vor dem Gasthof „Zum alten Fritz" steht das Denkmal Friedrich II. in Bronze gegossen. Noch immer kommt er beschwingt daher. Über der Tür erinnert ein Schild an Fontanes Novelle "Unterm Birnbaum". Es kommen die Deiche, die Oder. Jetzt, im Frühjahr, fließt die Oder sehr rasch. Das Wasser steht gewaltig, zwischen Altarmen und Überflutung ist kaum zu unterscheiden. Der Himmel wirkt hoch, alles hat den Charakter der Weite und Verlassenheit. Hier kann man glauben, ganz auf sich selbst gestellt zu sein. Überall in den Senken kleine Tümpel und Teiche, worin die Kopfweiden stehen. Einfach geheimnisvoll.

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19.04.2021 - Genießen im Oderbruch

Der Erlenhof im Oderbruch hat sich bei seinen Gästen einen besonders guten Ruf erarbeitet. Seit vielen Jahren aktiver Teil des Netzwerkes Sonne auf Rädern, kommt in seiner Nachbarschaft eine weitere touristische Perle hinzu. Ganz herzlich begrüßen wir als neuen Vermieter Radler’s Hof, der sich direkt am Oder-Neiße-Radweg befindet.

 

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